Führung lernt man nicht aus Folien, sondern im Tun. Zwei Erlebnisse aus meiner Lehrtätigkeit an der FH Steyr zeigen, was ich damit meine.

Sucheinsatz im Hörsaal

Gemeinsam mit Christine Ebner durfte ich im Fach „Neu als Führungskraft“ eine Übung gestalten. Das Setting: Ein Sucheinsatz des Roten Kreuzes. Die Studierenden mussten in kurzer Zeit eine fiktive vermisste Person finden, mit Rollen, Funkdisziplin und allen Störgeräuschen, die man aus echten Einsätzen kennt.

Wir ließen die Aufgabe zweimal laufen:

  1. Durchgang ohne klare Führung: Nach 20 Minuten herrschte immer noch Chaos. Niemand wusste genau, wer entscheidet, wer dokumentiert oder mit wem kommuniziert.
  2. Durchgang mit klaren Rollen: Nach 3 Minuten war Struktur da. Delegation, Funkordnung, Prioritäten – plötzlich lief alles ruhig.

Die Erkenntnis war greifbar: Führung reduziert nicht nur Chaos, sie verkürzt es. Und genauso wichtig wie das „Was tun wir?“ ist das „Was tun wir nicht?“ – Nicht-Ziele auszusprechen hat vielen Studierenden erst die Sicherheit gegeben, Entscheidungen zu treffen.

Führung in Startups, Einsätzen und Insolvenzen

In einer anderen Einheit habe ich drei Kontexte gegenübergestellt:

  • Startups: hohe Geschwindigkeit, wenig Ressourcen, Führung meist über Vision und unmittelbares Feedback.
  • Einsatzorganisationen: klare Kommandostrukturen, Drill, keine Zeit für Diskussion – dafür Nachbesprechungen, die brutal ehrlich sind.
  • Insolvenz: alles ist unsicher, trotzdem braucht das Team Orientierung.

Spannend war, wie viele Fragen zur Insolvenz kamen. „Endlich spricht jemand über Führung im Insolvenzfall“, meinte ein Studierender. Und ja: Es ist ein Tabu-Thema. Aber gerade dort zeigt sich, wie ernst man Führung nimmt.

Meine Learnings:

  • Transparenz schlägt Beschwichtigung. Mitarbeiterinnen bleiben an Bord, wenn sie wissen, was los ist – auch wenn die Nachrichten hart sind.
  • Berater richtig einsetzen. Externe Hilfe macht den „Elefanten Insolvenz“ handhabbar. In kleine Schritte geteilt verliert er den Schrecken.
  • Werte leben, nicht plakatieren. In der Krise wird sofort sichtbar, ob „Miteinander“ eine PowerPoint-Floskel oder echte Haltung ist.

Warum ich das lehre

Ich arbeite unter der Woche in Unternehmen, die digitalisieren, restrukturieren oder Produkte neu aufbauen. Am Wochenende bringe ich diese Erfahrungen an die FH. Nicht, weil ich den Studierenden graue Theorie ersparen will, sondern weil sie Führung erleben sollen, lange bevor sie das erste Team übernehmen.

Die Rückmeldungen aus beiden Übungen zeigen mir: Wenn man Menschen zutraut, Verantwortung zu übernehmen – und ihnen gleichzeitig klare Leitplanken gibt – dann wächst Führungskompetenz schneller als in jeder Vorlesung.